From Sued Deutsche.com
Von Oliver Meiler
Es ist alles, wie es schon einmal war. Alles bis ins kleinste, übelste, anzüglichste Detail. In Malaysia wiederholt sich die Geschichte. Das sagt man leicht dahin. Doch hier ist es wirklich so. Und es ist eine bizarre, surrealistische Geschichte.
Das Schicksal dieses Landes mit 27 Millionen Einwohnern, vielen Kulturen und Sprachen und Religionen, einem Tigerstaat mit viel Öl und noch mehr Palmöl – Malaysias Schicksal also hängt von einer schmierigen Affäre um angeblichen Analverkehr unter Männern ab. Man muss es so sagen. Das ist nicht vulgär. Das ist malaysische Politik: auf höchster Ebene, aus der untersten Schublade.
In Kuala Lumpur haben sie am Donnerstag Malaysias früheren stellvertretenden Premierminister und heutigen Oppositionschef Anwar Ibrahim formal angeklagt – wegen homosexuellen Geschlechtsverkehrs. Im mehrheitlich muslimischen Malaysia stehen darauf im Höchstfall 20 Jahre Haft und die Prügelstrafe. Angeblich passierte es am 26. Juni 2008, zwischen 15.01 Uhr und 16.30 Uhr, in der Wohnung 11-5-1 an der Jalan Kasih Nummer 99 in Kuala Lumpur.
Die Regierungsclique will Anwar stoppen
So steht es in der Anklageschrift. Anwar sagte vor Gericht, er habe keinen Geschlechtsverkehr gehabt mit dem Kläger, einem jungen Parteimitarbeiter. Der Fall sei fabriziert, eine Farce, eine Verschwörung gegen ihn. Sie ließen ihn gegen Kaution frei, bis zum Beginn des Prozesses im September. Frei mit der Last eines düsteren Déjà-vu.
Vor genau zehn Jahren trug sich in Malaysia die gleiche Geschichte zu, mit den selben Protagonisten. Nur der Kläger ist neu. Schon damals griff der populärste und charismatischste Politiker im Land nach der Macht. Und wie damals versucht die Regierungsclique, die seit der Unabhängigkeit vor 51 Jahren an der Macht festhält, Anwar Ibrahim daran zu hindern und ihm auf die billige Tour den Rücken zu brechen.
Der Zeitpunkt dabei ist zentral. Vor fünf Tagen hatte der Oppositionspolitiker bekanntgegeben, er werde in einer Ersatzwahl am 26. August für einen Sitz im Parlament kandidieren. Für Mitte September kündigte er den Sturz der Regierung an. 30 Stimmen fehlen der Opposition für eine Mehrheit im Parlament. Anwar behauptet, er habe schon genügend Überläufer auf seiner Seite. Vielleicht blufft er nur.
Der gleiche Plot wie vor zehn Jahren
Aber er fordert die Mächtigen heraus. Und das System reagiert wie vor zehn Jahren: mit einer Anklage wegen Analverkehr unter Männern, was im Englischen Sodomy genannt wird. Auch in Bahasa Malaysia, der Sprache der Malaysier, sagen sie Sodomy. Und sie reden oft von Sodomy, wenn sie von Politik reden. Eigentlich reden sie nur noch davon.
„Ist es nicht verrückt, dass sie den genau gleichen Plot wählten wie vor zehn Jahren?“, fragte Anwar, als wir vor einigen Tagen in seinem neuen Büro saßen, draußen in Petaling Jaya, einem Vorort von Kuala Lumpur mit großen Boulevards und vielen Baustellen. Der Teppich roch noch nach Fabrik. Die Klimaanlage war auf 16 Grad eingestellt.
Unten in der Eingangshalle der Gerechtigkeitspartei saßen sechs Reporter von der lokalen Presse, vier schliefen auf ihren Stühlen. Alle warteten auf die Verhaftung. Sie stand im Skript, sie war programmiert. „Ist es nicht traurig für mich, für meine Familie, für dieses Land?“
Der Kläger ist erst 23 Jahre alt
Anwar erwartete keine Antwort auf solche Fragen. Er schaute einen nur eindringlich an beim Reden. Keine Sekunde schaute er weg. Als wollte er ergründen, ob man ihm auch wirklich glaubt, ob man ihn auch für unschuldig hält, wie das 80 Prozent der Malaysier tun, wie eine unabhängige Umfrage zeigt. Oder ob die Kampagne der Gegner, dieses Politisieren unter der Gürtellinie, verbreitet über alle Kanäle der Staatsmedien, doch einen Zweifel am Opfer aufkommen lässt. Einen Zweifel an ihm, an Anwar Ibrahim. An seiner Redlichkeit. Trotz allem.
Der Kläger ist 23 Jahre jung. Ein hübscher, mysteriöser Mann, Studienabbrecher. Es gibt Bilder von Mohamad Saiful Bukhari, die ihn in Gesellschaft mit Ministern zeigen. Eines zeigt ihn mit Najib Razak, dem Vize-Premier und designierten Regierungschef. Najib ist der große Gegenspieler Anwar Ibrahims. Doch für einige Monate gehörte Saiful dem freiwilligen Mitarbeiterstab von Anwars Partei an, also der Opposition.
Anwar sagte beim Interview in seinem Büro: „Er war ein Streber, riss immer die Türe meines Wagens auf, wenn ich ins Büro kam, küsste meine Hände. Den Kollegen ging das auf die Nerven, doch ich hatte keinen Verdacht, ich hielt das für die üblichen Intrigen unter Mitarbeitern.“ War Saiful infiltriert? Seit er Anwar bezichtigt hat, steht Saiful unter Polizeischutz. Niemand hat ihn mehr gesehen. Zuerst behauptete er, Anwar habe ihn vergewaltigt. In der Anklageschrift steht nun, er habe eingewilligt.
So verlief Anwars politische Karriere vor der Anklage…
|
Der Angeklagte ist 61 Jahre alt und verheiratet. Er hat fünf Töchter und einen Sohn. Er war von 1993 bis 1998 stellvertretender Ministerpräsident Malaysias. Eine der großen politischen Persönlichkeiten Asiens. Von Anwar glaubt man im Westen, dass er das Zeug hätte, Islam und Demokratie zu vereinigen. Dass er Zeichen setzen könnte in der Welt. Dass er den liberalen und säkularen Kräften in der muslimischen Welt Auftrieb geben könnte.
Eigentlich müsste er Malaysia regieren. Er ist der beste, den sie haben, der gescheiteste Kopf, ein Brückenbauer zwischen den drei Volksgruppen: Die Hälfte der Malaysier sind Malaien, ein Drittel Chinesen, etwa zehn Prozent sind Inder. Anwar selbst ist Malaie und Muslim, aufgewachsen aber ist er in Penang, wo die Chinesen, Buddhisten und Christen die Mehrheit bilden. Einige halten Anwar für einen PopulistenEr spricht sie alle an. Und wie er spricht! Anwar hat die Gabe, Massen zu begeistern. Seine Reden sind Ereignisse, sie zirkulieren als CDs und DVDs. Er hat intellektuellen Witz, und doch ist er nahe dran am Volk. Es gibt aber auch Leute, die ihn für ein Chamäleon halten, für einen Populisten und einen Machtopportunisten. In der Jugend war er ein radikaler Geist, ein Islamist. In den siebziger Jahren gründete er eine konservative muslimische Jugendbewegung, wurde unter dem Internal Security Act verhaftet, Isa, einer Norm aus der britischen Kolonialzeit, die es der Regierung erlaubt, Gegner beliebig lang festzuhalten – ohne Anklage, ohne Prozess. Anwar saßdamals schon zwei Jahre lang ein. 1981 gab es dann die große Wende in seiner Karriere: Mahathir Mohamad, der autoritäre Herrscher, war in jenem Jahr an die Macht gelangt und holte den rhetorisch brillanten Anwar in sein Büro, machte ihn zum Kulturminister, später zu |
















